Einführung

Das neue Jahr beginnt, und die Frage ist nicht mehr, ob die russische Armee bald auch in Mecklenburg sein wird, sondern nur noch: wann? „Dann wird es Banden geben und Mord und Brand und ich beabsichtige nicht, in die Hände der Bolschewiken zu fallen, noch weniger, Frauen und Kinder hineinfallen zu lassen.“ Das schreibt Großonkel Willy in seinem letzten Brief an seinen Bruder Detel, meinen Großvater. Und fährt etwas nebulös fort: „Ich hoffe, die Kraft im geeigneten Augenblick aufbringen zu können. Solltest du hören, dass solche Dinge beginnen, hast du vielleicht noch die Möglichkeit nach Hause zu kommen, dann tue das im Interesse vor allem deiner Familie, aber auch in Gedanken an Roggow. Solltest du von hier eine schlimme Nachricht hören, so bitte ich dich, wenn du uns überlebst, für Roggow zu sorgen, für das Haus als solches und für den Betrieb, wenn so etwas überhaupt denkbar ist.“

Wofür will er die Kraft aufbringen? Welche Dinge beginnen? Ich sehe meinen Großvater vor meinem inneren Auge, wie er vielleicht an dieser Stelle die Hand mit dem Brief seines Bruders kurz sinken lässt, einen Blick aus dem Fenster wirft, gen Nordwest, dahin, wo ungefähr Roggow liegt, 250 Kilometer von Potsdam entfernt. Es ist eine dunkle, zutiefst beunruhigende Ahnung, die in ihm hochkommt. Detel weiß: In den Augen der russischen Soldaten, der „Bolschewiken“, ist Willy doppelt Feind: als Deutscher und als adliger „Herrenmensch“. Es sieht schlecht aus für ihn.

Detel wird klar, dass er besser sofort als morgen die Koffer packen und um Entlassung auf der Arbeit bitten sollte. Keine leichte Übung für einen, dem die Pflicht zum Dienst in die Gene geschrieben wurde. Aber seine Abteilung im Finanzministerium ist zu diesem Zeitpunkt ohnehin bereits aufgelöst, und die Pflicht, sich um die Familie zu kümmern, ist genauso heilig. Nicht nur sein Bruder im alten Familiengut der Oertzen braucht ihn, auch die Situation zuhause in Rostock ist kritisch. Es ist Ende Januar und schon jetzt sind Holz und Kohlen zum Heizen fast aufgebraucht. Das Haus ist eiskalt, und dann bekommen sie auch noch den Bescheid, Flüchtlinge bei sich aufnehmen zu müssen. Das bedeutet: Ein Zimmer muss freigemacht und alles umgeräumt werden, das schafft seine Frau Vicky unmöglich allein, wo doch das Dienstmädchen Martha ihr zweites Kind erwartet und nichts Schweres mehr tragen kann!

 

Wenige Tage später fährt Detel mit dem Zug nach Rostock, gemeinsam mit unendlichen Massen an Flüchtlingen aus dem Osten.

In seiner letzten Rundfunkansprache am 30. Januar erzählt Hitler, das „grauenhafte Schicksal“, das sich im Osten abspiele, werde „mit äußersten Anstrengungen von uns am Ende trotz aller Rückschläge und harten Prüfungen abgewehrt und gemeistert“ werden. Drei Tage zuvor ist das KZ Auschwitz von Soldaten der Roten Armee befreit worden.

Zuhause in rostock lebt sich Detel zunächst wieder ein, organisiert Holz für den Ofen, kümmert sich um alles Mögliche. Sein Ältester, Fortu, bekommt mit 16 seine Einberufung zum Arbeitsdienst, bei Pasewalk in Mecklenburg soll er eine sechswöchige vormilitärische Ausbildung erhalten. Armgard, 15, kommt aus dem strengen Nonnen-Internat in Heiligengrabe nach Hause, sie hat es dort keinen Tag länger ausgehalten. Die beiden Kleinen, Knut, 13, und Maja, 9, sind auch zuhause. Das Haus ist voll.

Das alte Radio wird täglich umlagert, der Ton ist schlecht. Aber die wichtigsten Nachrichten dringen durch: Goebbels, der die Hoffnung auf kriegswendende Wunder beschwört, bzw. von der Wunderwaffe redet, die alles ändern wird. Das Vorrücken der russischen Truppen: Sie stehen bei Küstrin, 260 Kilometer östlich von Rostock; wenig später dann in Stettin, 200 Kilometer südöstlich von Rostock. Die Gerüchte, die den Truppen vorauseilen, von brutalen Vergewaltigungen der Mädchen und Frauen. Detel und Vicky ist bald klar: Wenigstens Armgard muss so schnell es geht in Sicherheit gebracht werden. „Aber wo ist Sicherheit?“ Im März bekommt das Mädchen erst eine Instant-Konfirmation und wird dann in einen Viehwaggon Richtung Sachsen gesteckt, zu einer Freundin aufs Land.

So oft es geht, fährt Detel nach Roggow, 40 Kilometer gen Westen ans Salzhaff, um Willy zu unterstützen, der in trostloser Verfassung ist („Spricht viel von Selbstmord.“).  Bei jeder Egge, die gekauft und bei jedem Stalldach, das geflickt werden müsste, fragen sich die beiden Brüder: „Hat das noch Sinn?“ Sie packen ein paar wertvolle Dinge zusammen und graben Löcher in den weichen Boden des Wäldchens. „Kommt man je dazu, sie wieder herauszuholen? Die vielen Münzfunde aus dem 30-jährigen Kriege sprechen eigentlich dagegen“, so rätselt Detel. Zwei Wochen später werden die verpackten Schätze in den Boden versenkt – und manches davon tatsächlich nie wieder ausgegraben. Jedenfalls nicht von der Familie.

Ein Regimentskamerad samt Frau sucht Unterschlupf in Roggow, von Alten heißt er. Sie sind auf der Flucht aus Kolberg in Pommern. „Sie haben die Stadt unter schwerstem Beschuss verlassen. Frau von Altens Schwester ist an ihrer Seite durch Granatsplitter getötet. Um die Beerdigung haben sie sich nicht mehr kümmern können.“

Inzwischen hat überall der große Countdown des Krieges begonnen. Detel notiert ihn gewissenhaft:

  1. 3. „Dresden ist fast völlig zerstört. Die amtliche Verlustziffer übersteigt 200.000 schon erheblich! Täglich Alarm. Stettin und Swinemünde werden bombardiert, auch Stralsund, täglich Berlin.“ (Die aktuelle Geschichtsforschung geht von 25.000 Toten in Dresden aus.)
  2. 3. „Die Alliierten sind an mindestens drei oder vier verschiedenen Stellen über den Rhein gegangen. Die größte Einbruchstelle ist bei Remagen. Bei Stettin sind unsere Truppen auf das linke Oderufer zurückgenommen worden.“

Fortus Gruppe beim Arbeitsdienst wird nach Neustrelitz zur Wehrmacht gebracht. Kanonenfutter. Knuts Gymnasium, ausgelagert aufs Land südöstlich von Rostock, schreibt, sie müssten den Jungen aus ihren Listen streichen, wenn er nicht sofort von zuhause zur Schule zurückkehre.  Was tun? Wegschicken oder dabehalten? Von der Parteileitung kommt keine Weisung, weil sie die irre Fiktion aufrecht hält, dass die russische Armee nicht nach Mecklenburg kommt. Detel behält Knut lieber zuhause und zieht es vor, nicht in Panik zu geraten, selbst am meisten erstaunt darüber, wie gut ihm das gelingt. „Ich arbeite derweil den ganzen Tag in Garten und Haus, heute z.B. habe ich früh Kartoffeln gelegt und meine Garagentür mit brauner Ölfarbe angestrichen! Als ob nichts los wäre!“

  1. 4. „Der Wehrmachtsbericht meldet den Fall von Küstrin. Jetzt wird es sich zeigen, ob die Russen – was höchstwahrscheinlich ist – an der Oder stehen bleiben oder direkt auf Berlin marschieren.“

9.4. „Wann wir hier drankommen, ist nur eine Frage der Zeit. Die Feinde stehen in Eisenach und Weimar.“

18.4. „Der Führer hat einen Aufruf an das Ostheer erlassen, in dem der Oberbefehlshaber des Heeres die Soldaten anfleht, Stand zu halten und sie gleichzeitig auffordert, Vorgesetzte, gleichgültig welchen Ranges, die Rückzugsbefehle geben, tot zu schießen!“

Willy ist deprimierter denn je. Er sieht keinen Hoffnungsstrahl mehr – für sich und für Roggow. Das gelibte Heim in den Händen der verhassten Bolschewisten? Es kann in seinen Augen nichts Schlimmeres geben, er sieht voraus, was dann mit dem Besitz, mit den Ländereien passieren wird: Sie werden der Familie entrissen, zerteilt, vergeben. Im Juni sind es genau 600 Jahre, dass Roggow urkundlich nachweisbar den Oertzens gehört. Dieses Jubiläum hat er sich weiß Gott anders vorgestellt. Willy hadert mit diesem Schicksal – Detel hat sich dagegen schon ergeben in den großen Schicksalsstrom, der jeden und jede mit sich fortreißt. „Ich sage mir, dass es sich um ein großes geschichtliches Abrollen einer notwendigen Entwicklung handelt, an der wir nichts ändern können, und das wirkt bei mir durchaus beruhigend.“

 

Mein Großonkel Willy und mein Großvater Detel, zwei Brüder, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sich aber in vielem auch ähneln, nicht nur äußerlich – beide sind lang und hager, sehr aufrecht, mit schmalen Gesichtern und ernstem Blick. Willy, der drei Jahre Ältere, ist streng, zielstrebig, durchsetzungsstark – ein „Macher“. Detel dagegen ist weich, introvertiert, versonnen – ein Intellektueller. Beide sind sie preußisch diszipliniert, arbeitsam, einer Idee dienend, politisch motiviert. Um es gleich zu sagen: Beide haben sie mit Begeisterung die Nazizeit begrüßt, weil sie die Weimarer Republik, die Demokratie, ablehnen, aus innerster Überzeugung, dass das Volk eine Herrscherschicht braucht, die es mit eiserner Faust führt. Wenn nicht die Monarchie, dann eben eine Diktatur. Man wird sich als Adliger schon mit ihr arrangieren. Spät erst kommt die Einsicht, dass die Nazis ganz andere Ziele verfolgen als sie, dass Hitler überhaupt kein Interesse daran hat, den Adel wieder in den „verdienten“ Stand zu hieven. Da ist Willy längst hoffnungslos und sieht mit einer Mischung aus Schwarzseherei und Scharfsicht die Zukunft seiner Heimat unter sowjetisch-kommunistischer Flagge voraus. Und Detel, mein Großvater, ist da längst als Leiter der Finanzabteilung der deutschen Besatzung in Paris angestellt, und bleibt da. Als hohes Tier einer nationalsozialistischen Regierung, die Krieg, Tod und Elend über die Menschheit gebracht hat.

Er geht nicht.

Obwohl er es könnte.

Warum?

W a r u m ?

Mit dieser Frage werde ich nicht fertig, sie treibt mich um. Mich, seine Enkelin.

In einem bin ich mir sicher: Wäre mein Großvater nicht als Kind, als Jugendlicher und dann als junger Mann so gründlich in den preußischen Disziplinen gedrillt worden, er hätte nicht so lange bei den Nazis mitgemacht. Und viele andere mit ihm ebenso wenig. Die Preußen haben den Nazis den Boden bereitet. Sie haben eine Generation von perfekten Untertanen herangezüchtet, bereit, dem Vaterland zu dienen.

Aber eins nach dem anderen.

 

In den Erzählungen meiner Familie war mein Großvater immer ein Held. Er hat die Juden unterstützt und den Widerstand auch. Heimlich, um das Leben der Familie nicht zu gefährden. Was habe ich für tolle Geschichten von ihm gehört: Dass er meine Großmutter auf der Straße rechts unterhakte, damit er nicht den Hitlergruß zeigen musste, wenn ein ranghoher Nazi vorbeikam. Von Bergen an Petersilie, die Großmutter Vicky beim jüdischen Gärtner um die Ecke kaufte, obwohl sie das für ihre Küche gar nicht brauchte, nur um ihn zu unterstützen.

 

Und dann zieht mein Onkel Knut Ende der 90er Jahre aus seinem großen Haus in Hessen, und neben ein paar gelb karierten Wolldecken und einem ausrangierten Glastisch landen zwei alte, seit Jahrzehnten ungeöffnete Überseekoffer im Kofferraum unseres Volvos, voll bis obenhin mit unendlich vielen Seiten Papier: Tagebücher, Briefe, Dokumente, vergilbt, aber sauber abgeheftet und sortiert. Von den Brüdern Willy und Detel, meinen Vorfahren, eigenhändig verfasst, im Zeitraum von 1897 bis 1959. Vieles in Sütterlin geschrieben, was meine Mutter, Detels Tochter, zum Glück noch gelernt hat. Wir sichten zuhause die Papiere und sie liest mir Sätze vor wie: „Der Russe greift südlich Stettin an“, und wir können nicht mehr aufhören, zu lesen. Ich verbringe später Stunden, Tage, Wochen damit, die von meiner Mutter übersetzten und mit meinem Diktiergerät aufgenommenen Sätze abzutippen. Und langsam, langsam schält sich das Bild zweier Männer heraus, die mir so seltsam vertraut und doch so unfassbar fremd erscheinen. Und ich bin erst erschüttert, dann werde ich wütend. Mein Großvater, ein Held? Von wegen! Ein Mitläufer war er. Einer, der das System der Nazis getragen und am Leben erhalten hat, genau wie mein Großonkel, der die Ideologie der Nazis durch seinen elitären Mecklenburger „Herrenclub“ auch noch verbreitet hat!

Ja, sie haben beide irgendwann dieser Ideologie den Rücken gekehrt, haben verstanden, dass sie verführt wurden. Und Detel wird es später bitter bereuen.

Aber die langen Jahre davor haben sie das System unterstützt, mitgetragen und ja, sie haben davon profitiert.

Ich lasse angewidert das alte Zeug liegen und lese erst Jahre später weiter und auf einmal erscheint mir manches so bekannt: die einfachen Antworten der rechten Politiker auf komplexe Probleme. Und wie viele Menschen von ihrem markigen Auftreten zugleich abgestoßen und fasziniert sind.

Ich lese in der Zeitung WELT ein Interview mit dem Europaabgeordneten der AfD, Maximilian Krah, der vom „deutschen Volk“ spricht, als einer Ethnie, und der auf das angesprochen wird, was er in einer Rede gesagt hat: „Unsere Vorfahren waren keine Verbrecher, und wir lassen sie uns nicht dazu erklären.“ Und er meint damit generell unsere deutschen Vorfahren, er klammert den Nationalsozialismus komplett aus. „Der Nationalsozialismus war nur so ein komischer imperialistischer Abzweig.“ Das sagt dieser Mann ganz ernsthaft. Er redet lieber über Hermann den Etrusker und Bismarck. Wir können aber den Nationalsozialismus nicht ausklammern. Wir müssen darüber sprechen. Es sind unsere unmittelbaren Vorfahren, die an Tausenden und Millionen von Menschen Verbrechen begangen haben, oder zumindest das verbrecherische Regime unterstützt haben. Wir müssen darüber immer wieder sprechen, damit es nicht vergessen wird, und damit es niemals wieder geschieht.

Ich komme aus Westdeutschland, aus einer Zeit, in der Frieden und Demokratie herrschen. Darf ich dann das Leben in einer Diktatur beschreiben und beurteilen, obwohl ich eine solche selbst nie erlebt habe? Die Antwort ist: Ich muss es tun. Denn schon lange war das politische Gebilde um uns herum nicht mehr so fragil und brüchig wie jetzt. Genau diese Mechanismen, die damals bei unseren Vorvätern funktioniert haben: das Herabstufen von Menschen in lebensunwerte Kategorien, die Überhöhung des „deutschen Volks“, das droht gerade alles wieder zu passieren. Und diese Zustimmung: Da macht endlich mal jemand seinen Mund auf, zeigt klare Kante und verspricht einfache Lösungen durch Ausschluss ganzer Volksgruppen!

Und ich sehe mich selbst an: Was tue ich dagegen? Nichts. Gut, als eine von Zehntausenden gehe ich auf eine Demonstration gegen rechts.

Auf der Demo hält jemand in der Reihe vor mir ein Plakat hoch. Darauf steht: „Jetzt können wir endlich rausfinden, was wir anstelle unserer Großeltern getan hätten.“

Was hätte ich getan, hätte ich die Nazizeit miterlebt? Wie hätte ich mich verhalten, hätte ich die Erziehung der Brüder

Oertzen erfahren: zu preußischem Gehorsam und Dienstwillen? Zum „Herren-Dasein“? Ich weiß es nicht. Aber ich habe dennoch eine Haltung zu den Irrtümern meiner Ahnen. Ich habe die nötige Distanz dazu, als Enkelin, als Urenkelin.

Da hat mein Urgroßvater Fortunatus seinen Söhnen Tugenden wie das Durchhalten und den Stoizismus erfolgreich eingetrichtert, und was nutzt es ihnen? Für beide wäre es so viel besser, hinzuschmeißen, zu verschwinden. Detel wird das Ausharren auf seinem Platz seine ganze Lebenskraft kosten. Es wird in ihm Schuldgefühle auslösen, die ihn auffressen.

Und Willy schlittert ungebremst in die Katastrophe, bleibt auf seinem Gut, soll „der Russe“ doch kommen.

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