Kurland

Kurland, Teil Lettlands

Kurland, Teil Lettlands.
Quelle:
http://commons.wikimedia.org/ Wiki/File:Latvian_regions_and_latvians.png. Urheber: „Regionen Lettlands“ von User:vulpes  Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons

 

„Dieses Land ist bezaubernd schön. Wenigstens für das Auge der Norddeutschen. Herrliche, gut gepflegte Wälder, dazwischen tief eingeschnittene Täler mit Wiesen und Seen in leidlich sauberen Dörfern, und große, prächtige Edelsitze, das Land der deutschen Barone. Die ganze Landschaft ist urdeutsch.“

So schwärmst Du von Kurland, Großvater. Dieses Land macht mich neugierig. Was für ein Gebilde: ein Gebiet, so groß fast wie Thüringen oder Schleswig-Holstein, ein Viertel des heutigen Lettlands. 1915 ist der größte Teil der Bevölkerung lettisch, aber es leben etliche Deutsche hier – sie machen immerhin 10 % der Bevölkerung aus. Und die haben es in sich: es sind Pastoren, Ärzte, Lehrer, kurz: Intellektuelle, und vor allem: Adlige. Ein Schlaraffenland für diese Leute muss das sein. Aber wie kamen die um alles in der Welt hierher? Sie sind jedenfalls nicht erst seit gestern hier: schon im 13. Jahrhundert wurde Kurland vom deutschen missionarischen Ritterorden „Schwertbrüderorden“ unterworfen.

Schwertritter

Schwertritter.
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Author: Janmad

Denen steckte also auch schon reichlich Kolonialisierungsblut in den Adern. Diese Ordensbrüder gründeten deutsche Städte, und rissen gleich auch noch die Macht über die auf dem Land lebenden Kuren an sich. Amen. Die deutsche Sprache wurde die Sprache der Oberschicht, die lettische die der Landbevölkerung. In der frühen Neuzeit kamen noch mehr Adlige ins Kurland, vor allem aus Westfalen und vom Rhein, sie erwarben Land, und damit Macht. Der Herzog war seit dem 17. Jahrhundert in allen wichtigen Fragen an die Zustimmung des Adels gebunden. Unter Herzog Jakob Kettler blühte Kurland in dieser Zeit wirtschaftlich auf. Es ging dem kleinen Land so gut, dass es sogar kleinste europäische Kolonialmacht wurde! Es unterhielt Kolonien in Amerika und Afrika – na gut, seien wir ehrlich, es handelte sich um jeweils eine kleine, hübsche Insel. Tobago vor der Nordküste Südamerikas gelegen, hieß also für kurze Zeit „Neu-Kurland“ mitsamt seinem „Fort Jacob“. Und „James Island“ im Gambia-Fluss in Westafrika ließ Jacob Kettler für die sieben Jahre seiner Anwesenheit in, na? Richtig:  „Neukurland“ umbenennen, und das neu erbaute, genau, „Fort Jacobus“ wurde als Handelsposten der Kurländer benutzt. Das Fort lag in der Jacobstadt. Es gab eine Great Courland Bay, eine Libau Bay und so weiter. Bis der Herzog in schwedische Gefangenschaft geriet, das war 1658. Die Kolonien fielen an die Niederlande und England.

Kurland wurde nun von diversen Grafen und Herzögen regiert, bis es Ende des 18. Jahrhunderts unter russische Herrschaft kam. Das komplette Baltikum stand unter russischer Herrschaft. Kurland wurde allerdings genau wie die Gouvernements Estland und Livland vom deutsch-baltischen Adel autonom verwaltet. Und das blieb auch so, bis 1915 die deutsche Armee anwalzt. So richtig urdeutsch ist Kurland da also nicht gerade. Und so richtig beliebt sind die deutschen Adligen bei der lettischen Bevölkerung wohl offenbar auch nicht, jedenfalls kam es 1905 zu einer Mini-Revolution gegen die Macht der Deutschen, angestachelt durch die Russen. Zeitungen beförderten die Deutschfeindlichkeit, bis sie zur öffentlichen Meinung wurde. In den frontnahen Provinzen wurden heftige Ausnahmeverfügungen gegen die Deutschen erlassen: Deutsche Schulen wurden schon im August 1914 geschlossen, deutsche Vereine zur Liquidation gezwungen, es wurde verboten, an öffentlichen Orten und auf der Straße deutsch zu sprechen, deutsche Briefe zu schreiben, auch deutschsprachige Zeitungen wurden verboten. Was folgte, war eine Flut von Denunziationen, und die brachten Haussuchungen, Verhaftungen und Verbannungen mit sich. Etliche Deutsche wurden nach Sibirien verschickt. Im Februar erging das Gesetz über die Zwangsliquidation des deutschen Grundbesitzes in Russland. Davon waren besonders die deutschen Bauern hart getroffen. Das deutsche Leben in den baltischen Ländern lag praktisch lahm. (Das kann man nachlesen bei Reinhard Wittram: Baltische Geschichte. Die Ostseelande Livland, Estland, Kurland, 1180 – 1918. Verlag R. Oldenbourg, München 1954.)

Kreuzer Augsburg

SMS Augsburg (1909) der Kaiserlichen Marine. Urheber: „Augsburg cruiser in 1909-02“. Über Wikipedia – http://de.wikipedia.org/wiki/
Datei:
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Du, Großvater, sollst mit Deiner Truppe Libau einnehmen – Libau, das muss zu Deiner Zeit eine sehr schöne, kleine, aber bedeutende Stadt sein. Mit direktem Anschluss an New York, von dem Hafen aus fuhren jahrelang mehrere hunderttausend Auswanderer mit dem Schiff gen Westen. Jetzt ballern vier deutsche Kreuzer gegen den Hafen, aber das Getöse lässt mehr Angreifer vermuten, als eigentlich da sind, und so soll es auch sein.

„Das ganze ist ein Unternehmen von einer grandiosen Unverschämtheit. Und wenn es glücken sollte, ein Musterstück Hindenburgscher Feldherrenkunst.“ Der Bluff „glückt“, Libau wird am 8. Mai von den Deutschen eingenommen.

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Wappen derer von Fircks. Quelle: GHdA Band 65, 1977. Urheber: unbekannt

Du findest verlassene Schlösser vor. Die deutschen Barone mussten sie verlassen, weil sie „rettungslos der Wut der russischen Regierung und des lettischen Pöbels verfallen wären,“ hätten sie auch noch deutsche Soldaten bei sich untergebracht. Die kommen nun und fragen nicht lange, sie setzen die Gastfreundschaft der deutschen Barone voraus, und richten sich herrschaftlich ein. Erst bei den Keyserlings in Tels-Paddern, dann beim Baron Fircks. Ihr könnt auf die Gastfreundschaft der deutschen Barone bauen, diese sind hocherfreut, als das deutsche Militär in Kurland einmarschiert. Das Schloss des Grafen Fircks trägt die Spuren der Wut auf den deutschen Adel. „Das Schloss ist in der Revolutionszeit völlig niedergebrannt und jetzt gerade neu aufgebaut. Riesige, geschmackvoll eingerichtete Säle und Zimmer. Mit Clubsesseln, wundervollen alten Sachen, Billiard, Flügel, Phonola (ein selbstspielendes Klavier), tadelloses Bett, was will man mehr. Hier bin ich Alleinherrscher, habe 30 Mann, einen Leutnant und einen Fähnrich zu meiner Verfügung. Der Kammerdiener des Barons betreut mich, und heute Morgen hat auch der Oberförster antreten müssen, um mir Pirschgelegenheit nachzuweisen.“

Du kannst ungestört Herrscher spielen, so schnell wird der Baron nicht wiederkehren, schließlich hast Du eigenhändig die Fähre über die „Windau“, die der Baron für seine Wiederkehr benutzen muss, außer Betrieb gesetzt. Es „baroniert“ aber auch ohne Baron Fircks genug. „Frühstück (..) bei Baron Hahn in Ambotten. Heute Nachmittag werde ich noch bei der Baronin Medem auf Schloss Berghof meinen Besuch machen.“ Hochinteressant, diese ganzen Herrschaften. Baron Hahn, Journalist und Schriftsteller, spioniert offenbar für die bolschewistische Regierung, wird später Günstling von Heinrich Himmler, wird aber ins KZ geliefert und stirbt dort wahrscheinlich 1934 auf mysteriöse Art und Weise. Der Baron Walter von Medem, ich denke mal, um den handelt es sich, wird sich nach dem Krieg im paramilitärischen Wehrverband „Stahlhelm“ engagieren, ist im Zweiten Weltkrieg streng nationalsozialistisch, schreibt Zeitungsartikel und Jungenbücher, die zu Sowjetzeiten auf die „Liste der auszusondernden Literatur“ gesetzt werden.

Du lässt die wenigen Kornvorräte, die es hier gibt, ängstlich bewachen. Du willst sie nach Deutschland schaffen. Denn „ich nehme nicht an, dass wir die Absicht haben, dieses Land zu behalten. Wenn auch jeder Quadratmeter mir wertvoller erscheint für Kolonisierung und Germanisierung als ganz Belgien.“ Uff! Wie groß können Jahrhunderte sein. Oder auch: wie klein. Erst 100 Jahre ist das her, dass Du, mein Großvater, es als Dein ganz selbstverständliches Recht ansiehst, einem anderen Land die Identität zu entreißen, weil Du der Überzeugung bist, die eigene sei besser. Das muss ich erstmal verdauen.

Was sagt denn der Historiker Mommsen dazu? (Wolfgang J. Mommsen: Der erste Weltkrieg. Anfang vom Ende des bürgerlichen Zeitalters. Fischer Verlag 2004) Aha: Vor allem die Adligen Deutschlands scheinen schon lange herumphantasiert zu haben, die Deutschen sollten in „Mitteleuropa“ eine Führungsrolle bekommen, kulturell, wirtschaftlich und politisch.  Wobei bei jedem der Forderer der Begriff „Mitteleuropa“ ein anderer ist. Alle aber sind sich einig darin, dass die jeweilige einheimische Bevölkerung den Führungsanspruch der Deutschen schon im eigenen Interesse respektieren würde. Klar. Weil die Deutschen doch nun mal so toll sind. Riecht nach der Idee von einem „Großdeutschland“, ist aber offenbar überall der Trend, die anderen Weltmächte haben es nur schon vollzogen – mit der Kolonialisierung der halben Welt.

Und Du, Du träumst also davon, dass Kurland selbständiges Herzogtum wird und die mecklenburgische Verfassung bekommt – die hat es jetzt schon, mit Abweichungen.

„Die russischen Regierungskommissare suchen allerdings schon seit Jahrzehnten der Ritterschaft Recht über Recht zu entreißen und damit die einzigen Kulturträger des Landes zu beseitigen, denen das Land alles verdankt, was es ist.  Aber die Barone haben sich doch bisher noch mit Erfolg gewehrt.“

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Karte von Kurland und Semgallen, um 1600
Quelle: Wikimedia Commons. Urheber: „Kurland Karte“. Licensed under Public domain via Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kurland_Karte.jpg#mediaviewer/File:Kurland_Karte.jpg

Die deutsche Militärverwaltung plant, dass Kurland künftig Siedlungsgebiet für demobilisierte deutsche Soldaten und aus Russland wiederkehrende deutsche Bauern wird. Klar, dass die Deutsch-Balten im Land die Pläne begrüßen, sie stellen für die Besiedlung ein Drittel ihrer landwirtschaftlichen Nutzfläche zur Verfügung. Die Heeresleitung verspricht dafür, dass Kurland später Teil des Deutschen Reichs wird. Du, Großvater, liegst also voll auf der Linie der Verwaltung. Am liebsten möchtest Du so schnell es geht das Land „einkassieren“, und Dich endlich wieder gen Frankreich an die Westfront begeben, wo man die deutschen Soldaten doch so dringend braucht. „Und der deutsche Bauer und Landsturmmann kann friedlich hinter unserem Wall die reiche Ernte Polens und Kurlands in deutsche Scheunen sammeln. Wenn es doch dahin kommen wollte.“

Was Deine Träume angeheizt haben wird, ist der Umstand, dass Kurland nahezu entvölkert ist, als ihr deutschen Soldaten dort einmarschiert. Die Russen haben sich zurück gezogen, drei Fünftel der Einwohner sind nach Russland „geflohen“. Das heißt genauer: die russischen Behörden haben sie mit Hilfe einer Greuelpropaganda und unter Anwendung von Zwang massenhaft vertrieben. Das schreibt Reinhard Wittram (s.o.). Die vielen litauischen und lettischen Flüchtlinge geraten in eine schwierige Lage. Die russischen Behörden versagen völlig, die Flüchtigen müssen selbst sehen, wie sie zurechtkommen. Das beschreibt Georg von Rauch. (Geschichte der baltischen Staaten. Kohlhammer Verlag 1970)

Und Du, Großvater, hast in Deiner Kolonialisierungsidee oder Eindeutschungsidee, oder wie man es nennen soll, leider Null Respekt gegenüber der lettischen Bevölkerung. „Sie müsste unter strenge Ausnahmegesetze gestellt und möglichst rausgegrault werden. Das sind so einige schöne Träume, an deren Erfüllung ich selbst nicht glaube.“

Das Volk würde aufgehetzt gegen die deutschen Grundherren, schreibst Du, und sei „in großer Angst vor uns. Und ist heimtückisch und unzuverlässig. Meine Köchin war heute Morgen bereits ausgerissen. Weil mein Bursche ihr zugemutet hatte, etwas für mich zu waschen. Ich befahl dem Diener bei Todesstrafe, sie binnen einer Stunde wieder zu beschaffen. Das half.“ Na super. Detel, der Herrscher. Was würden die Letten bloß ohne die Deutschen machen? Alles verfiele, ist doch klar. „Die Felder sind in guter Kultur, deutsche Arbeit.“

Allerdings könnte man noch viel mehr rausholen, wenn das Land mal vernünftig drainiert und intensiv bestellt würde. Aber wofür? Die Aussichten der einheimischen Deutschen sind alles andere als rosig. Sie „zittern, und wohl mit Recht, vor dem Augenblick unserer Abreise von hier. Und ich kann mir nicht denken, dass wir die Absicht haben, uns für dauernd häuslich einzurichten. Die Grenze würde zu lang werden.“

Da kommt der Pragmatiker zum Vorschein, der die schönen Träume vom großen deutschen Reich für unrealistisch erachtet, schlicht, weil das die Grenze zu lang, also zu unsicher machen würde.

Und auch jetzt ist die Lage alles andere als sicher. Im Schloss muss alles in Alarmstellung verharren, die Pferde gesattelt im Hof stehen, für den Fall, dass die Russen den Ort überfallen. Das wird Dir auf die Dauer doch zu anstrengend, weshalb Du wieder nach Tels Paddern umziehst, zur Gräfin Keyserling (Link: https://sites.google.com/site/eduardvonkeyserling/paddern.) Diese Gräfin muss eine Schwester des unverheiratet gebliebenen Eduard von Keyserling gewesen sein, und dieser war ein bedeutender impressionistischer Erzähler und Dramatiker. Wer von den Keyserlings 1915 noch (mehr oder weniger) in Tels-Paddern lebt, ist mir nicht ganz klar. Jedenfalls lebst Du dort offenbar nicht weniger herrschaftlich als vorher, Großvater. Vor allem, was die Abendbeschäftigung angeht – bei reichlich Wein, dank einem ausgehobenen Weinlager. „Abends ist gewöhnlich großes Konzert. Flügel, Harmonium und Geige. Dann sitzt alles im großen Saal des Schlosses mit Kerzenbeleuchtung, Anzug, Waffenrock und Pantoffeln. Meist ist auch noch eine Skatpartie im Gang. Zwischen 9 und 1 Uhr geht man zu Bett, je nach Laune. Das ist ein Leben nach Deinem Sinn. Der unendliche Reiz, der in diesem Kriegsleben liegt, das dauernde Abwechseln zwischen größtem Luxus und größter Entbehrung, sonnigem Leichtsinn und ernsthafter Pflichterfüllung, fröhlichstem Zusammensein und lieben Kameraden und langer einsamer Wacht.“

Täglich gibt es kleinere Zusammenstöße mit den Russen, die mit starker Kavallerie immer näher kommen. Die Deutschen graben Schützengräben um ihre Quartiere herum. Was nichts hilft. Die Russen sind in der Übermacht, Tels Paddern muss aufgegeben werden, Du ziehst Dich mit Deinen Soldaten einige Kilometer zurück, ins nächste Schloss in Groß Drogen. Hier gibt es Telefon. Mit dem hast Du Meldungen der Schwadron weiter zu geben.

Mittlerweile ist es Sommer, und es bewegt sich nicht wirklich etwas auf diesem Kriegsschauplatz. Beide Lager schicken ihre Schwadronen vor, vor denen wiederum Patrouillen das Gelände sondieren. Vorsichtig bewegen sich beide Lager so aufeinander zu, besetzen kleinere Orte, es kommt zu kleineren Zusammenstößen, es gibt Verluste. Bei Dir scheinen die Verluste sehr gering zu sein, das berichtet zumindest Dein Pferdebursche Paul Bülow einer Cousine: „Wenn Patrouille  geritten wird, dann sagt er (Detel): Leute, sagt lieber einmal zu viel: ‚ Ich habe Angst‘ , als zu wenig. Und er hätte nie Verluste auf seinen Patrouillen.“

Es gibt immer weniger Bewegungsfreiheit für die Patrouillen. Die werden verstärkt zu Posten, von denen gibt es immer mehr, regelrechte Postenketten entstehen, die sich durch Schützengräben und Wälle verschanzen, fertig ist die „Stellung“. Die feindlichen Stellungen werden voneinander getrennt durch den Fluss Windau. Und das wird noch eine Weile so bleiben, da bist Du Dir sicher. Denn Russland wird so bald nicht aufgeben. In Deutschland wird offenbar ein anderes Bild vom Russen gezeichnet. Du kannst dies dem „Rostocker Anzeiger“ entnehmen, den Du  regelmäßig bekommst. Ja, selbst hier, an der Ost-Front. Du freust Dich über die Klatschgeschichten aus dem Ländchen, und ärgerst Dich über die falschen Weltnachrichten. „Dass die Russen mit Keulen bewaffnet sind, ist ein törichter Zeitungsquatsch, wie er uns ja leider jetzt so häufig aufgetischt wird. Neulich meldete unser Generalstab, wir hätten bei Amboten das 4. russ. Dragoner Rgt. in wilde Flucht geschlagen. Es ist unverantwortlich so etwas zu berichten. In Amboten lag ein Leutnant von den 4. Drag. mit 20 Mann. Diese ritten selbstverständlich fort, als unsere Brigade anrückte. Das war alles.  Die 4. Drag. stehen uns noch jetzt gegenüber und sind ganz vorzüglich. Mit unserer Kavallerie halten sie jeden Vergleich aus und derjenigen unserer anderen Gegner ist die russ. Kavallerie himmelweit überlegen. Sie führt durchaus ritterlich Krieg und benimmt sich in den Quartieren einwandfrei.“

Du bist ein Kavalier, Großvater, ein Gentleman. Ich bin stolz, dass Du so eine Haltung hast!

Es herrscht Dürre, der Hafer ist nicht über 10 cm hoch. Und trotzdem geht aus Libau jeden 2. Tag ein Dampfer mit Plünderware nach Deutschland ab, „sehr viel Futtermittel, Ölkuchen und dergl., auch Brotgetreide.“

Mitau wird eingenommen, ganz Kurland ist mittlerweile von den Deutschen besetzt. Eine deutsche Militärverwaltung regiert das Land, und bezieht dabei die eingesessenen Deutschen mit ein. Diese glauben bis zuletzt an den Sieg der Deutschen und damit an die Angliederung Kurlands an das Deutsche Reich.

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A woodcut of Latvias capital Riga, dating from a 1575 French edition of Sebastian Munster’s encyclopedic work, the Cosmographia Universalis. Quelle: Wikimedia commons

Du fängst schon an, Dich zu langweilen, da heißt der Befehl: Marsch auf Riga! Marschiert wird in der Nacht. Aber ihr seid nicht allein auf der Straße. „Überall auf dem Vormarsch begegnete uns Landvolk. Das mit Sack und Pack, mit Vieh und Lebensmitteln vor den herannahenden Barbaren ausriss und nun freundlichst gebeten wurde, wieder an seine Wohnstätten zurück zu kehren, und seine schöne Ernte nicht weiter zu zerstören. Die Russen bekämpfen uns hier nämlich mit den Mitteln von 1812/13. Westlich der Windau ist auf Befehl der Regierung der Roggen größtenteils gewalzt. Der Hafer teils grün gemäht, teils umgepflügt. Glücklicherweise ist unser Vormarsch so sehr beschleunigt, dass das Zerstörungswerk nicht annähernd beendet werden konnte.“

File:Bundesarchiv Bild 146-1987-028-03, Russland, Bauern auf der Flucht.jpg

Russland, Bauern auf der Flucht. November 1915. Quelle:
German Federal Archives Link back to Institution infobox template wikidata:Q685753
Sammlung von Repro-Negativen (Bild 146). Urheber: unbekannt. Gefunden auf Wikipedia

Du kannst nicht verstehen, warum die Bevölkerung flieht. Heute kann ich es Dir sagen: wer nicht flieht, wird mit 200.000 weiteren Einwohnern Rigas nach Russland evakuiert, um dort in der Rüstungsindustrie zu schuften. Du nimmst es, wenn auch schlechten Gewissens, in Kauf, dass Deine Soldaten in die leeren Häuser einbrechen, um Quartier zu nehmen. In Dörfern rund um Riga. Ihr marschiert in die Stadt und tut so, als hättet ihr sie eingenommen. „Und sind, ohne dass ein Schuss gefallen wäre, als erste in die „eroberte Stadt“ eingezogen, kurz nachdem die letzten russischen Soldaten sie nach Osten hin verlassen hatten. Zu einer Einkesselung reichten unsere sehr bescheidenen Kräfte leider nicht aus. Wir stehen also jetzt an Rigaschem Meerbusen nur wenig weiter von dieser Stadt entfernt als vor 10 Monaten vor Paris. Glauben aber alle nicht recht daran, dass auch nur die Absicht besteht, einen Angriff gegen Livlands Hauptstadt zu versuchen.“

So ist es, Riga wird erst sehr viel später eingenommen, im September 1917. Da bist Du schon längst woanders.

German troops Riga 1917

German troops Riga 1917. Scan of vintage postcard, by user Philaweb

 

Du nimmst mit Deiner Truppe Quartier auf einem größeren Bauernhof, „sichern und sperren die Aa-linie. Verzeih, aber der Fluss heißt wirklich so.“

Die Schwadron beobachtet den Feind, sperrt Straßen, und liefert sich nur hin und wieder kleinere Gefechte mit ihm. Wer dienstfrei hat, reitet zum Meer und badet. Du und Deine Ko-Offiziere habt euch ein Häuschen hergerichtet, es einigermaßen flohfrei gemacht. In Deinen Briefen bittest Du den Vater um Süßes: Marmelade, Torte, oder ähnliches. „Kleine Quantitäten sind bei der Masse an Mäulern ein Tropfen auf den heißen Stein. Stets dein gehorsamer Sohn Detel“

Es ist August und Du erinnerst Dich ein Jahr an die Mobilmachung bzw. Aussendung der Soldaten vor einem Jahr. Die Art der Kriegsführung hat sich verändert – zu ihren Gunsten, meinst Du.

„Hätten wir den Stil des August 1914 noch etwas länger beibehalten, dann wären wir sämtlich ohne Ausnahme zusammengebrochen. Gut zu essen und sich und seinen Körper zu pflegen hielt man damals für unkriegsgemäß. Und man war der Meinung, dass man das Versäumte nach Ablauf der drei Monate, die der Krieg höchstens dauern könnte, in Ruhe nachholen wird. Das sieht ja nun alles wesentlich anders aus.“

Photo by Wilhelm Dreesen (Wiki Commons)

Badekarren auf Wyk (1895). Photo by Wilhelm Dreesen (Wiki Commons)

Du pflegst Dich, dazu gibt es den Badewagen: Ein hölzerner Wagen mit großen Rädern, ähnlich Bauwagen, als rollbare Umziehkabine, der bis ins Wasser gezogen wird, damit sich die Badenden unbeobachtet umziehen können. Anstand muss sein, auch im Krieg. Und nach dem Bad gibt’s Erdbeerbowle.

Doch das idyllische Badeleben hat ein Ende, Mitau wird eingenommen, die Hauptstadt Kurlands, und alles, was weiter weg an deutschen Armee-Einheiten herumliegt, wird zur Sicherung der eroberten Stadt herangezogen. „Sie hat vom Kampfe wenig gelitten. Ein paar Granaten sind in der Stadt krepiert, die Brücken sind zerstört, sonst ist alles intakt. Da ein großer Teil der Einwohnerschaft geflohen ist und die Hälfte der Läden geschlossen ist, macht der Ort einen ziemlich toten Eindruck. Mit schlechtem Pflaster und  uneleganten Läden.“ Klingt etwas widersprüchlich, was du dann beschreibst, denn die Straßen sind offenbar dennoch voll, und zwar mit „gut angezogenen und gut aussehenden Herren und Damen jeden Alters. Etwa 200 kurländische Barone und Baroninnen haben die Russen auf ihrem Rückzug nicht mehr mitnehmen können.“ Unter anderen die Gräfin Keyserling und ihre zwei blinden Töchter. Du meldest Dich bei ihr an, um ihr über Deinen 4-wöchigen Aufenthalt in ihrem Schloss in Tels Paddern zu berichten. „Wir wollten sie vor allem darauf aufmerksam machen, dass der jetzt in ihrem Schloss herrschende Schmutz nicht von uns herrührt, sondern von den zwei Russen-Schwadronen, die uns dort abgelöst haben.“

Du sitzt mit einigen Deiner Männer am Ufer der Aa, vis-a-vis den Russen. „Ich habe strengsten Befehl gegeben, den Russen in Frieden zu lassen, falls er nicht unverschämt wird. Wir haben lediglich den Befehl, Angriffe, insbesondere Übergänge des Feindes zu verhindern. Bis dahin verhalte ich mich also ruhig und erwarte das gleiche von drüben. Vor mir auf 300 Meter jenseits des Flusses sitzt auf einem Hausdach ein Kerl mit einem schweren Fernrohr und sieht wahrscheinlich interessiert zu, wie ich schreibe. Mit gleichem Vergnügen beobachte ich einen fleißigen russischen Soldaten, der auf etwa 200 Metern mit zwei Zivilisten Roggen mäht.“

Du trauerst um das schöne Korn, das ansonsten überall ungeerntet stehen gelassen wird. Sobald Du kannst, treibst Du dann eine Mähmaschine auf und mähst nun auch ein Stück eines Roggenfeldes. In der Hoffnung, dass die Einwohner es wenigstens trocknen.

In den nächsten Wochen geht es in großen Märschen im Zickzack durch das Land, immer hinter den kämpfenden Russen her, in Richtung Düna. Einen Tag untersteht ihr der einen Brigade, den anderen einer anderen, wieder den nächsten seid ihr selbständige „Abteilung Kameke“. Ihr sollt den Düna-Übergang der Deutschen bei Friedrichstadt erzwingen und die Bahn zwischen Friedrichstadt und Riga zerstören. Bloß habt ihr dafür viel zu wenige Leute.

„Wir kamen so weit vor, dass wir die fragliche Bahnlinie mit den schweren Geschützen – altmodische Dinger ohne Rücklauf, die nach jedem Schuss wie verrückt in der Gegend herumspringen – bestreichen konnten, und meldeten im übrigen Unzulänglichkeit unserer Kräfte.“ Abteilungschef Kameke erhält ungenügende Verstärkung und lehnt den Angriffsbefehl ab. Der Mann hat offenbar Realitätssinn. „Wehe den armen Truppen, die in solchen Situationen Führer haben, die nicht das Rückgrat besitzen, als unausführbar erkannte Befehle nicht auszuführen.“  

Du musst Dich um den Nachschub von Lebens- und Futtermitteln kümmern. Was angesichts der großen Entfernungen zu den nächsten Etappenorten und dem ständigen Wechsel der Standorte manchmal schwierig ist. Aber zum Glück gibt es ein Auto, das Du hin und wieder benutzen darfst.

Bei Schönberg südlich von Riga graben sich die Truppen ein „und sind auf dem besten Wege, zum Stellungskrieg überzugehen.“

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RUSSIAN TROOPS AWAITING A GERMAN ATTACK. This is a typical rear-guard trench, characteristic of the field fortifications of the great retreat. Quelle: 300 ppi scan of the National Geographic Magazine, Volume 31 (1917), page 379. Autor: George H. Mewes

Du bist wieder tagelang mitten drin, in wüsten Kämpfen. Trost bieten Dir die Pakete von zuhause, ein Topf Honig, Kuchen. Allerdings, „man überlegt bereits, beim Ostheer die Pakete abzuschaffen, wegen Überlastung der Feldpost.“ Soweit ich weiß, ist dies nie geschehen. Zum Glück. Denn woher sollten die Soldaten warme Kleidung für den bevorstehenden kalten Winter bekommen?  Mit den guten Sachen gehen auch gute Ratschläge mit, etwa der, Du  mögest Dich doch auf einen Verwaltungsposten bei der gerade neu installierten Militär-Verwaltung im Kurland bewerben. Klar kannst Du Dir das vorstellen. Glaubst aber nicht, dass man Dich ziehen lässt, jetzt, wo man kälteresistente Norddeutsche wie Dich gut brauchen kann. „Es fangen jetzt schon die Ersten an, abzubröckeln und werden noch mehrere folgen, die den Winter nicht vertragen können.“

Die Stellung wird fieberhaft befestigt. „Schützengräben, fünf Reihen Stacheldraht, Maschinengewehr, Scheinwerfer, Minen, alles ist vorhanden.“

Was Deinen Soldaten zu schaffen macht, ist der Regen. „Bereits eine Regennacht hatte für uns neulich zur Folge, dass man zwei Tage lang in den Gräben im tiefen Lehmkleister waten musste.“ Für die Offiziere wie Dich ist es nicht so schlimm, ihr löst euch alle 48 Stunden ab, und könnt euch dann für zwei Tage, 12 Kilometer hinter der Front, ausruhen. Aber bei den Mannschaften „ist eine regelmäßige Ablösung nicht möglich, da wir nicht genug haben. Folge: Erkältungen und Fußkrankheiten.“ Acht Tage am Stück müssen die einfachen Soldaten an der Front ausharren, kommen nicht aus den nassen Klamotten heraus. Von drei Seiten aus werden sie von den Russen beschossen. „Den einzigen artilleristischen Erfolg, der bisher bei uns zu verzeichnen ist, hat sich aber eine deutsche Haubitzenbatterie zuzuschreiben, die neulich nachts von der vierten Seite zu kurz schoss und mir mit einem Volltreffer in den Stall zwei Pferde tot schlug. Glücklicherweise sind die Telefonverbindungen so, dass ich die Batterie sofort beschimpfen konnte. Sie schimpfte wieder, glaubte es nicht und schoss dann aber weiter. Und war sehr klein, als ich ihr am nächsten Tag den Erfolg demonstrierte. Jetzt lasse ich mir dort aber einen Erdpalast bauen. Mit 30 Balken und 60 Zentimeter Erde. Da mögen dann Freund und Feind nach Herzenslust nach mir schießen.“

Du fühlst Dich fit. Und bedauerst den General Knobelsdorff, dem es wohl nicht so gut geht, „er war wohl auch völlig am Ende mit seinen Kräften. Mein Alter scheint mir doch bei weitem das praktischste für den Krieg zu sein. Die Alten und die ganz Jungen klappen immer noch nach einiger Zeit zusammen.“

Mittlerweile ist auch Bulgarien an der Seite der Deutschen in den Krieg eingetreten. Du hoffst, dass die Bulgaren demnächst den Deutschen in Serbien die Hand reichen werden, dass ungestörte Bahnverbindungen nach der Türkei bestehen werden und die Deutschen weder im Osten noch im Westen zurück gedrängt würden. Dann – ja dann wäre doch der Krieg schon gewonnen. „Neugierig bin ich bloß, wer ihn später mal bezahlen soll. Die Beteiligten müssen doch alle total bankrott sein.“ Die Antwort lautet: die Deutschen, WIR Deutschen müssen das alles bezahlen, wir haben es ja auch angefangen. Und wie das geschieht, exakt damit wirst du dich später jahrelang hauptberuflich beschäftigen, als Mitglied der Kriegslastenkommission.

Die lange Front der Deutschen bröckelt, eine Truppe nach der anderen wird von der Militärführung herausgezogen, die Linien werden dünner und dünner. „Alle Unterführer schimpfen laut und erklären, die Verantwortung nicht mehr übernehmen zu können.“

Verstärkung, zumindest moralische, kommt übers Telefon. Alles ist hier mittlerweile verkabelt. Auch 45 Kilometer südlich von Riga, wo Du Dich befindest. „Man kann sich gar nicht vorstellen, wie man vor 40 Jahren noch hat ohne den Krieg führen können. Das Gehöft, in dem ich hause, liegt etwa 300 Meter hinter dem Schützengraben. Ich habe aber durch verschiedene Laufgräben noch nach zwei Stellen meines Grabens Telefonverbindung. Alle Meldungen und Befehle gehen durchs Telefon. Wehe, wenn ein Führer während des Gefechts den Mutigen markieren und von der Strippe trennen will.“

Es ist gerade mal Oktober, aber nachts friert es schon. Da freust Du Dich über den Pelz, den Du nebst Torte, Wein und Stiefeln von zuhause geschickt bekommst. Und schickst mit dem nächsten Brief gleich die Weihnachtswünsche: „ein paar Pulswärmer, Bauchstrumpf und Pelzschlüpferchen für die Füße.“

Angesichts der Großzügigkeit Deiner Lieben fragst Du Dich, ob sie sich das eigentlich leisten können? „Wenn man nur einmal ein klares Bild darüber bekommen könnte, wie es tatsächlich mit der Lebensmittelfrage in Deutschland aussieht. Die Preise für Schmalz, Butter und andere wichtige Sachen sind ja erschreckend hoch. Bestehen irgendwelche Bedenken, ob wir den Krieg mit unseren Mitteln durchhalten?“

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Spare Seife! … aber wie?
… Poster directing people to save soap and oil and giving suggestions on how to do so. On verso, a request to display the poster in a prominent place.
Created/Published: Kriegsausschuss für Oele und Fette, Berlin. Printed by Kunstanstalt Emil Saatz, GmbH, Berlin-Schöneberg. 1915 – 18. Quelle: This image is available from the United States Library of Congress’s Prints and Photographs division under the digital ID cph.3g11277.

Eine gute Frage, die etliche ehrliche Hausfrauen eindeutig mit Ja! beantwortet hätten. Sie stehen im Oktober vor dem Lebensmittelladen Göbel in Berlin-Friedrichshain und protestieren lautstark gegen steigende Butter-Preise. In kurzer Zeit wächst ihre Menge auf 5 – 6000 Menschen an, die johlen, pfeifen, und Steine ins Schaufenster und auf die herbei geeilten Polizisten werfen. Den ganzen Oktober über sammeln sich abends in den Arbeiterbezirken Berlins und anderer Städte die Unzufriedenen und machen ihrem Unmut Luft. Stundenlang müssen die Frauen vor den Geschäften anstehen, um oft genug nichts Essbares mehr vorzufinden, wenn die Reihe endlich an ihnen ist. Schon zu Beginn des Jahres war als erstes Nahrungsmittel das Brot rationiert worden, nun folgt auch noch die Milch. Das schildern Stephan Burgdorff und Klaus Wiegrefe ((Hrsg.): Der Erste Weltkrieg. Die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Dtv 2004).

Dein Regiment besetzt einen Streifen an der Düna. „Das Landschaftsbild dort ist wirklich bezaubernd schön. An unserem Ufer wechseln 10 bis 15 Meter hohe, schroff in den Fluss abfallende Hügel und tiefe Schluchten, die bis weit ins Land und in die Wälder zurück reichen. Drüben ist das Land am Ufer selbst ziemlich flach und steigt ganz sanft in weiter Ebene mit einigen kleinen Waldungen und Gehöften zum Horizont an.“

Idylle in Regen, Sturm, Schnee. Mit Feind. „Der Russe“ liegt gleich am anderen Ufer, 200 Meter entfernt. Und quittiert jedes Auftauchen eines Deutschen mit einem Schuss. „In den Schützengräben steht zwei Fuß hoch Dreck und selbst die Unterstände sind schwer trocken zu halten.“

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TYPICAL REAR-GUARD TRENCHES IN THE GREAT RUSSIAN RETREAT: A SHELL BURST OVER THIS POSITION JUST AS THE PICTURE WAS TAKEN. Quelle: 300 ppi scan of the National Geographic Magazine, Volume 31 (1917), page 370. Autor: George H. Mewes

Du wirst zum Oberleutnant ernannt. „Endlich.“ Die Schützengräben werden davon nicht trockener. „Dachpappe hatte beim Bau der Unterstände nicht so schnell heran geschafft werden können. Und nun fing es an, an allen Ecken und Enden durchzuregnen. So dass die Leute auch hier bald im Wasser standen. Das wird sich bald durch viele Krankmeldungen bemerkbar machen.“

Auch hier ist es gerade November. Es ist ein typischer Novembertag in Köln. 8 Grad kalt, neblig, regnerisch. Ich ziehe die Terrassentür schnell hinter mir zu und bin froh, wieder an meinen warmen Platz am erleuchteten Schreibtisch zurückzukehren. Was Du da vor 100 Jahren erlebt hast, ist für mich wie die Geschichte eines Protagonisten in einem Roman. Ist ja ein Ding, was der da so erlebt. Bloß, dass Du das tatsächlich erlebt hast. Und zwar kurz bevor Du es selbst niedergeschrieben hast. Wie nehmen die liebe Leni und Vater Fortunatus zuhause in Schwerin die Nachrichten auf? Offenbar macht da gerade die Meinung von einem baldigen Kriegsende die Runde. Dich amüsiert das. „Ich finde es rührend, dass anscheinend ganz Deutschland mit einem Friedensschluss vor Weihnachten rechnet. Ich möchte nur wissen, auf welcher Basis wir jetzt Frieden machen sollten? Es ist ja noch niemand besiegt. Die Franzosen wären die einzigen, bei denen man es wünschen könnte. Aber die sind wohl zu verbohrt.“

Offenbar machen in Deutschland auch Gerüchte die Runde, die deutschen Soldaten würden Lebensmittel klauen. „1200 Eier haben wir übrigens nicht requiriert. (…) Zuletzt kosteten sie glaube ich 10 Pfennig pro Stück.  Bei unseren Leuten finden diese Sachen reißende Abnahme. Da sie ihre Kriegsbelohnung nicht anders unterbringen können, und die staatliche Lebensmittelversorgung nicht immer überreichlich ist.“

Kaum sind die Stellungen an der Düna so einigermaßen fertig gebaut, gehst Du wieder zurück nach Mitau. Bzw. nach Tittelmünde. Du beziehst Quartier im Schloss des Herrn von Bähr. 4 Kilometer östlich von Mitau, und versuchst, die Riesenräume warm zu bekommen.

Das Bild Mitaus ist vom Militär geprägt. Die Verwaltung wird fast ausschließlich von Adligen besetzt, die enge Beziehungen zum Adel im Land pflegen.

Du hast zwei Schwadronen in einem großen Landhaus untergebracht. Samt Ställen und Musikzimmer. „Man lebt, als ob man bei Verwandten auf dem Lande zu Besuch wäre. Abends versammelt sich alles am Kamin, spielt Bridge, Skat, musiziert und redet.“ Zu Weihnachten nach Hause zu kommen, kannst Du Dir wahrscheinlich abschminken, da haben die Verheirateten Vorrang, und das bist Du ja immer noch nicht. Wie auch, Frauen bekommst Du wohl kaum zu Gesicht an der Front. 4 Tage kämpfst Du an vorderster Linie, bei 15 bis 27 Grad Minus. Die feindliche Stellung liegt einen Kilometer entfernt. Ein Tag vor Weihnachten erst kommst Du wieder in Deine Hütte in Tittelmünde, die Du nun bewohnst, und findest dort Pakete und Päckchen vor, gestapelt bis zur Zimmerdecke, alles von Zuhause. Und packst sie allesamt aus, auch wenn eigentlich noch nicht Weihnachten ist.

Die Hütte ist aus Torfsoden gebaut. „Ein kleiner Ofen verbreitet, solange er brummt, eine Gluthitze. Sobald man ihn ausgehen lässt, herrscht Außentemperatur. (…) Mein Bursche muss deshalb den ganzen Tag nichts weiter tun als aufpassen, dass das Feuer nicht  ausgeht. In der Nacht lässt sich das nicht dauernd durchführen. In Pelz, Schlafrock und Decke habe ich trotzdem sehr gut geschlafen. Das Waschwasser und die meisten Ess- und Trinkvorräte waren allerdings morgens steif gefroren.“

Heiligabend wird ordnungsgemäß ein Gottesdienst veranstaltet, in einer leeren Scheune.

„Von den Tannenbaumlichtern wurde langsam eines nach dem anderen vom Ostwind und Schnee, die durch die Kirche sausten, ausgeblasen. (…) Der Pastor sprach laut und langweilig. Aber kurz, und als er Amen sagte, erschien auch der Kommandeur. Und war pikiert, dass die Sache schon erledigt war.“

Danach ist Bescherung, jeder bekommt ein Geschenk am Weihnachtsbaum. Am ersten Weihnachtsfeiertag ist feierliches Essen mit dem Brigadekommandeur. „Mit Kaviar, Karpfen und Puter.“ Und bayrischem Bier, dank der Gabe eines bayrischen Wachtmeister-Vaters.

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