Rumänien

Du kommst am 24. Mai in Bukarest an. Zwei Stunden früher als in Berlin angegeben rollt der Zug ein. Schon zwei Tage später hast Du ein Häuschen für Dich allein, blendend weiß gestrichen, einstöckig, mit Garten. „Inhalt: Entrée, Salon, Arbeitszimmer, Schlafzimmer, Badezimmer, Burschenzimmer, schöner Balkon. Alles tadellos möbliert. Vor mir hat hier der italienische Militärattaché  gewohnt. Zu meinem Büro habe ich 5 Minuten zu gehen, desgleichen zum Casino. Die Wirtin, die im Vorderhaus wohnt, macht vorzüglichen Eindruck, ihre Köchin backt mir zum ersten Frühstück Semmeln. Casino ist im 1. Klub von Bukarest. Verpflegung einfach, aber sehr gut.“

Deutsche Militärverwaltung Rumänien

Deutsche Militärverwaltung Rumänien. Abfotografiert aus: Rumänien in Wort und Bild. 26.5.1917

Du wirst in der Militärverwaltung der Abteilung des Inneren zugeteilt. Was genau Du hier tun sollst, weißt Du noch nicht. „Vorläufig sehe ich mich etwas in den miserabel geführten Akten um, um einen Begriff zu kriegen, was hier los ist.“ Die rumänischen Ministerien sind weitestgehend wieder mit Rumänen besetzt und werden von den Deutschen beaufsichtigt. Jedes eingehende Schriftstück wird von den Deutschen, bzw. den dort sitzenden deutschen Verbindungsoffizieren geprüft. Du bist nicht der einzige der Schwadron, der nun in der Verwaltung sitzt. Mindestens drei andere sitzen auch dort, und auch Dein „Bursche“ findet wieder den Weg zu Dir.

Du bist „im allgemeinen“ ganz zufrieden mit Deinem Los. Du musst Dich hauptsächlich um das „Sanitäts- und Polizeiressort des Ministeriums des Inneren“ kümmern. Eine merkwürdige Zusammenstellung zweier Bereiche in einem Ministerium! Und um einiges andere auch, zum Beispiel um Neu-Einbürgerungsanträge früherer Deutscher, von denen es nicht wenige gibt. Mit Deinem Chef Welser kommst Du nur wenig in Berührung, nur ab und zu in Sitzungen mit den von den Deutschen eingesetzten rumänischen Ministern. Die Deutschen haben die Direktive, sich nach den rumänischen Gesetzen zu richten. „Es existieren aber noch längst nicht von allen deutsche Übersetzungen.“ Aber die Rumänen sprechen oder verstehen zumindest fast alle französisch oder deutsch.

„Der neuzeitliche Krieg ist nicht nur ein Zerstörer, er ist auch ein Schöpfer und Erbauer.“ So lautet der erste Satz der „Rumänien in Wort und Bild“ vom 26. Mai 1917, No. 3. Die Zeitschrift erscheint jeden „Sonnabend“, Herausgeber ist die deutsche Militärverwaltung von Rumänien, und man kann sie auch in Deutschland beziehen. „Hinter dem Schlachtfelde entstehen die Schreibstuben, die Verwaltungsgebäude, die Lagerspeicher und die friedlichen Schornsteine.“ So steht es da feierlich. „Nachdem Rumänien im vorigen Sommer den Reichtum seiner Erde der Würfellaune des Krieges ausgehändigt und die Walachei verspielt hat, hat in dem fruchtbaren Gottesgarten eine gewaltige Offensive produktiver Arbeit eingesetzt. Über das Land waren die Wellen des Krieges hinweggebrandet und die Flut hat da, wo sie Widerstand fand, Spuren ihrer Gewalt zurückgelassen. Den schwersten Schaden haben sich die Rumänen aber durch ihre Verbündeten zufügen lassen: die Verwüstungen im Ölgebiet und die Brandschatzung ihrer Fabriken und Mühlen. Der Krieg verleiht nicht nur Rechte (sic!), er verpflichtet auch. Er liefert das Schicksal der Zivilbevölkerung dem neuen Machthaber aus, die Bürde der Verwaltung, Ordnung und Sicherheit. Hierzu kam in Rumänien die Aufgabe, das wirtschaftliche Leben so rasch wie möglich wieder in Gang zu bringen, um den gewaltigen Überschuss an Getreide, Futtermitteln, Mineralölen, den das Land jährlich ausführte, den Mittelmächten nutzbar zu machen.“

Müllwagen

Müllwagen in Bukarest. Abfotografiert aus: Rumänien in Wort und Bild. 26.5.1917

Eine schöne Umschreibung für das, was unter anderem Deine Aufgabe ist: Für Ordnung sorgen und so viel es geht nach Deutschland exportieren. Chef der Militärverwaltung ist Tülff von Tschepe und Weidenbach, General und Landwirt eines großen schlesischen Gutes.

Die Zeitschrift gibt einen Abriss der Militärverwaltung: Der Oberquartiermeister regelt militärische Angelegenheiten, die Zentralpolizei und die politische Abteilung. Ihr „unterstehen Presse, Druckereiwesen, Zensur, Theater, Kinos“. Und dann gibt es den Wirtschaftsstab, der sich um Landwirtschaft und Ölfelder kümmert.

Ausführlich berichtet die Zeitschrift, was der deutsche Wirtschaftsstab in Rumänien  alles so tut und bereits getan hat: eine Darlehenskasse hat er eingerichtet, die in der Provinz kleine Filialen hat. Dann hat er die Produktion von Zigaretten erhöht, schließlich hat man „wiederholt darauf hingewiesen, welche moralische Bedeutung der Tabakgenuss auf unsere Soldaten ausübt, wie sehr er ihre Stimmung hebt und belebt. Dementsprechend hat die Heeresverwaltung dafür Sorge getragen, dass der Tabak bei den Soldaten nie ausgeht“. So.

Ölturm

Ölturm in Rumänien. Abfotografiert aus der „Rumänien in Wort und Bild“, 26.5.1917

Dann werden Ölbohrtürme gebaut, die zerstörten Maschinenanlagen im Erdölgebiet wieder aufgebaut. Es wird wieder so viel Öl gefördert, dass damit, glaubt man, der Verbrauch der U-Boote gesichert ist. Mühlen, Holz- und Elektrizitätswerke werden wieder instand gesetzt, Anlagen für die Öl- und Fettgewinnung aus Mais und anderem Getreide errichtet, die Seifenproduktion angekurbelt (nebenbei erfährt der Leser, wie der weltweite Seifenverbrauch im Jahr 1911 so aussah: die fleißigsten Seifenverbraucher sind die Amerikaner mit 11 Kilo Seife pro Kopf pro Jahr. Dann folgen die Deutschen mit 10,5 Kilo. Dann die Briten (8,8), die Franzosen (8), die Belgier (6,8) usw., Schlusslicht in Sachen Seifenliebe sind die Russen (1,2 Kilo).

Was noch? Brücken und Dämme werden neu gebaut, Straßen und Wege wieder hergerichtet. Die Donau wird von Minen und versenkten Schiffen gesäubert und dem Verkehr wieder frei gegeben. Und der Eisenbahnverkehr spielt sich mittlerweile schon wieder in deutscher „fahrplanmäßiger Pünktlichkeit ab“, verstärkt durch deutsche Eisenbahnwagen und Lokomotiven. Außerdem kämpft die Verwaltung gegen grassierende Seuchen, die vor allem den Menschen in der Moldau zu schaffen machen.

Der Verwaltungsstab der Militärregierung schließlich habe, so die Zeitschrift weiter, ziemlich Mühe gehabt, die bisherige Landesverwaltung wieder in Gang zu bringen. Weil der größere Teil der Beamten sich vor der Besetzung der Deutschen aus dem Staub gemacht hatte, und dabei große Teile der Amtsregistraturen und Archive mitgenommen hatte. Vielfach musste deshalb der Behördenapparat komplett erneut werden. Die Ämter sollen möglichst mit den alten Beamten wieder besetzt werden, außer man hält sie für nicht fähig. Von den Ministerien werden vier nicht wieder eingesetzt: das des Krieges, der Auswärtigen Angelegenheiten, für Handel und Industrie, und für Bahnen und „Öffentliche Arbeiten“.

Wieder eingeführt wird dagegen die Kranken- und Unfallversicherung, die nach deutschem Muster in Rumänien existiert. Die Gerichte werden, so weit das mit dem Personalmangel geht, wieder in Betrieb genommen.

Und es gilt, knapp 2 Millionen Kriegsgefangene zu versorgen und arbeitsmäßig einzusetzen. Rumänen, Italiener, Russen.

Schuleröffnung

Schuleröffnung mit Feldmarschall Mackensen. Abfotografiert aus: Rumänien in Wort und Bild, 26.5.1917

Aus religiösen bzw. kirchlichen Angelegenheiten halten sich die Deutschen weitgehend raus, nur bei der Anzahl an Feiertagen wollen sie mitreden und sie erheblich reduzieren, „da bei ihrer ungewöhnlich großen Zahl die Versorgung mit Lebensmitteln erschwert worden wäre.“ Schulen werden wieder geöffnet, zunächst in den Städten, um die Jugendlichen aus „der Gasse“ zu holen und „nicht der Verwahrlosung anheim fallen zu lassen“. Auf dem Land ist es schwieriger, genug Lehrer zu finden, auch sind die Gebäude oft umfunktioniert in Lazarette.

Ansonsten fasst die Zeitschrift lakonisch zusammen: „Vier Großmächten – Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien und der Türkei – Mächten mit verschiedenen wirtschaftlichen Interessen – wird die Aufgabe zugewiesen, den Wiederaufbau des Landes zu leiten; ein Problem, das schon in Friedenszeiten die größten Schwierigkeiten gemacht hätte. Es gilt eine große Truppe zu versorgen und die Überschussprodukte des besetzten Gebietes, das noch dazu von wichtigen Zufuhrquellen abgeschnitten ist, sowie Rohmaterialien den Heimatländern abzugeben. Auf der anderen Seite sind Einfuhren nötig, um die gestörte Wirtschaftskraft des Landes wieder zu heben und die geschlagenen Wunden nach Möglichkeit zu heilen. Man kann mit aller Bestimmtheit behaupten, dass vor 100 Jahren im Befreiungskampfe gegen Napoleon eine derartige Sicherstellung des feindlichen Landes technisch unmöglich gewesen und auch als unangebrachte Humanität erschienen wäre. (…) In der Tat hat erst die Entwicklung der Volkswirtschaft und die rapide Ausgestaltung der Technik solche Riesenprobleme lösbar gemacht. Wir (…) gehen, jeden Tag auf’s neue von der Praxis belehrt und berichtigt, an die Arbeit.“

Allerlei KurzweilNach dieser mehr oder weniger nüchternen Bilanz möchten die Macher der Zeitschrift nun aber doch ein bisschen was Lustiges auf ihre Seiten heben: „Allerlei Kurzweil“ zum guten Schluss.

WitzVoilà, darüber haben sich die Leute früher die Schenkel geklopft: „Ein Tippfräulein erkundigt sich teilnahmsvoll bei ihrem durch Streifschuss an der Wange verwundeten und bis zur Genesung in Mazedonien weilenden Bräutigam „wie es der Wange gehe“. Da sie aber irrtümlicherweise statt Wange „Wanze“ tippt, erwidert der Feldgraue prompt: „Kannst ruhig in der Mehrzahl sprechen, wenn du dich nach meinen Wanzen erkundigst.“

Du amüsierst Dich, indem Du Ausflüge ins Umland von Bukarest machst. „Es ist unglaublich, wie niedlich die bunten rumänischen Dörfer jetzt aussehen, die ich nur als Drecklöcher im tiefen Morast vom Winter her ganz kahl in Erinnerung habe.“

Du bekommst das Angebot, in Deutschland einen Posten in der „Reichsgetreidestelle“ einzunehmen. Und antwortest ausweichend, dass Du den Posten wohl annehmen würdest, aber eigentlich lieber in Rumänien bliebest. Zum einen, weil Du keine Ahnung vom Getreidemarkt hast, zum anderen findest Du es doch zu verlockend, ein erobertes Gebiet zu verwalten. In den kommenden Wochen wartest Du ängstlich auf eine Reaktion aus Berlin. Du erhältst Nachricht, Du seiest „angefordert“, hoffst aber darauf, dass man Dich in Bukarest nicht so ohne weiteres ziehen lässt.

KelimBesser jetzt schon mal schnell einkaufen, was man hier kriegen kann, man weiß ja nie: Kakao, „einen schönen Teppich zu 160 Mark, meiner Meinung nach sehr billig gekauft. Wie ich ihn nach Hause bekommen soll, weiß ich noch nicht.“

Du hast ihn nach Hause bekommen, irgendwie. Der wunderschöne bunte Kelim liegt hinter mir, Deiner Enkelin, als Überwurf über dem Gästebett, und feiert still seinen 100. Geburtstag.

Am Wochenende fährst Du mit Kollegen nach Sinaia, einer Stadt in den Bergen, rund eine Fahrstunde von Bukarest entfernt. Bis ganz nach oben wanderst Du, auf 2000 Meter Höhe, stehst inmitten von Alpenrosen und Enzianen und bist glücklich. „Ich musste immer wieder denken, wenn die Menschen nur ahnten, wie wunderschön die Erde ist, dann würden sie sich das Leben darin nicht so widerlich machen.“

File:Sinaia Prahova old pic.jpg

Sinaia als Postkartenmotiv, um 1890. Gefunden bei Wikipedia

Wie hungrig muss ein Mensch nach Schönheit sein, wenn er jahrelang im Krieg gekämpft hat, inmitten von braunem Schlamm, Eis, Morast, toten Körpern. Du bist entzückt selbst von dem kitschigen Schloss des alten rumänischen Königs Carol, das Neuschwanstein der Karpaten. „Wahrhaft märchenhaft und wahrhaft königlich. (…) Im Speisesaal des Schlosses entspringt der Pelesbach. Das heißt, die Quelle, die darunter liegt, ist in einem kleinen Springbrunnen geleitet, der mitten auf dem Esstisch springt.“

File:Peles Castle.jpg

Peles Castle in Sinaia, Romania. August 2004, Urheber: Moritz Eyer – Molle. Permission: Put under GNU FDL by Moritz Ey

Der König ist seit zweieinhalb Jahren tot, jetzt haust in dem prächtigen Bau der deutsche Heerführer Mackensen. „Wenn man einen guten Generalstabschef hat und eine ruhige Front, ist es gar kein schlechter Posten, Heerführer zu sein.“

Du „regierst“ vor Dich hin. Und musst Dich erstmal wieder dran gewöhnen, dass man Probleme auch auf friedlichem Weg lösen kann, statt sie mit dem Gewehr auszutragen. „Für manchen gordischen Knoten wünscht man sich Alexanders Schwert. Und wird doch gezwungen, ihn mit feinster juristischer Feinarbeit Faden für Faden zu zerlegen. Selbst Arbeiterversicherung und Eichdienst sind im vollen Umfang wieder eingeführt. Als ob nicht jeder Zentner Weizen, der von hier nach Hause geht, wichtiger wäre als dass die Waage vorschriftsmäßig geeicht ist.“

Wenn Du schon nicht Weizen verschicken kannst, so bekommt Vater Fortunatus von Dir Kistenweise Erbsen, Bohnen, Grieß und Nudeln, Tee und Kakao. Und Deutschland erhält reichlich Benzin und Petroleum aus Rumänien. Du besichtigst die Rohöldestillation, in der das Öl zu Kraftstoff verarbeitet wird. „40 Waggons täglich, die so genannten Viktoriazüge, fahren von dort direkt nach Zeebrügge.“

Von der Rohöl-Produktion fährst Du gleich weiter zur Staats-Saline nach Slanic. Neben dem Erdöl gehört das Salz zu den wichtigsten Bodenschätzen Rumänien. „In Slanic tritt das blanke Salz in einem 30 Meter hohen Berge zutage. Durch einen Schacht konnte man in einen 40 Meter hohen Dom aus klarstem Salz schauen. Ganz Bulgarien, Rumänien und unsere sämtlichen Fronten werden von hier aus versorgt.“

Ankunft der Flüchtlinge

Ankunft der Flüchtlinge. Foto in: Rumänien in Wort und Bild. 1917

Bukarest gleicht einem Ameisenhaufen. Tausende Flüchtlinge kommen jeden Tag an und wollen versorgt werden, mit Nahrung, Kleidung und Arbeit. Deutsche sind das, außerdem Österreicher, Ungarn, Bulgaren und Türken. Die „Rumänien in Wort und Bild“ berichtet darüber: „Mit dem Herannahen der verbündeten Truppen sind etwa 30.000 Menschen in Rumänien aus der Gefahrzone nach der Moldau verschleppt worden. Keineswegs nur wehr- und waffenfähige Männer, sondern in der Überzahl Greise, Frauen und Kinder, die die Strapazen einer mühseligen Wanderung und der mangelhaftesten Ernährung zu Hunderten mit dem Leben bezahlen mussten.“ Die Hälfte der Verschleppten, so erzählt der Artikel, sei noch in der Moldau interniert, die andere Hälfte konnte befreit werden und wird nun versorgt: täglich rund 1500 Flüchtlinge sind das in Bukarest. In sechs großen Hotels sind sie untergebracht, vier große Volksküchen, ein Restaurant und einige andere Einrichtungen sorgen für ihre Ernährung. Darunter die ehemalige Handwerkerschule. „In dem großen Lichthof bietet sich ein außerordentlich lebendiges und farbenreiches Bild; Frauen und Kinder, Greise und Säuglinge im bunten Durcheinander. Auf den Gängen die Kisten und Kasten der eben Angekommenen, die oft nur das Notwendigste zusammen gerafft haben. Jeder Einzelne wird hier der gleichen Prozedur unterworfen.“

Nach der Entlausung

Nach der Entlausung. Foto in: Rumänien in Wort und Bild. 1917

„Er wird erst einmal gründlich entlaust, erfährt dann eine genaue Aufnahme seines Nationale (sic!), erhält Kleidung, Obdach und Verpflegung mit dem Esskarten-System.  (…)  So sehen wir in dem unendlichen Treiben und Wogen das Element einer segensreichen Ordnung, das energisch eingreift und in unermüdlicher Arbeit die Wunden des Krieges zu heilen sucht.“ Huh. Die göttliche Erhöhung des Menschen, der für Ordnung sorgt. Aber klar, nach dem grauenvollen Chaos des Krieges muss es auch für den Schreiber dieser Zeilen eine Wohltat gewesen sein, mitzubekommen, dass sich nun alles wieder so langsam ins rechte Maß rüttelt.

Sacknähen

Foto aus: Rumänien in Wort und Bild. 2.6.1917

Wer arbeitsfähig ist, wird in der Landwirtschaft eingesetzt, in den Häfen oder in der Industrie. Die Frauen werden in eine große Nähstube gesteckt, in der sie täglich hunderte Säcke nähen. Wofür, wird nicht erwähnt. Hauptsache, die Sache hat System. Oder doch nicht? „Es wird uns Deutschen manchmal der Vorwurf gemacht, dass wir alles nach einem bestimmten Schema behandeln und darüber die besondere Eigenart der zu leistenden Aufgaben zurückstellen. Welcher Unfug ist mit dem Schlagwort „Deutscher Drill“ getrieben worden! Nirgends tritt aber das Gegenteil sichtlicher hervor als in der Verwaltung der besetzten Gebiete, in der wir bisher Leistungen vollbracht haben, die jedes Mal die Rücksicht auf die Besonderheit des Landes und der Bevölkerung verraten. Maßnahmen, die für Belgien oder für Polen notwendig waren, werden sich natürlich in Serbien und Rumänien als gänzlich ungeeignet erweisen.“ Maßnahmen, die auch Deiner Feder entspringen. Du bist in der Militärverwaltung zuständig für ein ganzes Bündel an Maßnahmen, die das Land voran bringen sollen.

Zigeunerin auf dem Pfingstmarkt

Zigeunerin auf dem Pfingstmarkt. Foto in: Rumänien in Wort und Bild. 1917

Exotik auf dem Pfingstmarkt

Kakadu auf dem Pfingstmarkt. Foto in: Rumänien in Wort und Bild. 1917

Und dann ist es wiederum genau umgekehrt, dass die Deutschen das Fremde, das Exotische in Bukarest so sehr anzieht. So etwa die Trachten der Bauern, farbenfrohe, kompliziert zu wickelnde Tücher um Leib und Kopf, teils gold- und silbern durchwirkt. Natürlich nur sonntags. Unter der Woche tragen die Bauern grobe Leinen- oder Wollstoffe, die Hirten tragen Lammfell. „Äußerst malerische Zigeunerinnen“, so schwärmt die „Rumänien in Wort und Bild“, stünden etwa auf dem Bukarester Pfingstmarkt und böten ihren gebratenen Mais an. Die Besucher stehen aber in Schlangen woanders an, vor den „Dioramen“ nämlich, also Guckkästen, in deren Innerem der Krieg gleich noch einmal stattfindet: „Man sieht vorwärtsstürmende Truppen, den gewaltigen Rauch der Feuerschlünde, brennende Dörfer, flüchtende Menschen.“ Außerdem gibt es „melancholisch aussehende Kakadus, die hier das Geschäft des Wahrsagers betreiben. Die klugen Tiere picken eine Karte heraus, die alles enthält, was uns die Zukunft noch bescheren soll. Da wird dem einen eine glänzende Heirat, dem anderen ein großes Losgewinn versprochen.“

Der Rumäne an sich, so küchen-psychologisiert die Zeitschrift, sei eher schwerfällig und lässig, ruhig bis schweigsam, aber plötzlich in temperamentvolle Äußerungen „lauter Lebensfreude“ ausbrechend, den Italienern nicht unähnlich. Außerdem habe er „ein tiefes, von Aberglauben überwuchertes Fühlen“. So glaubt der im tiefsten Inneren heidnische Rumäne an eine Naturgottheit, die Dürre bannt und Regen spendet.

Paparuda

Volksbrauch Paparuda. Foto in: Rumänien in Wort und Bild. Juli 1917

Jedes Jahr findet nach Ostern ein Umzug für die Göttin der Fruchtbarkeit statt: splitternackte Zigeuner mit Pflanzen um die Hüfte ziehen von Haus zu Haus, singen dabei ein Regenlied und werden von den Bauern mit Kübeln voll Wasser begossen. Diesem Ritual folgt ein „Leichenzug des Dürregottes, den man begraben will“.

Fischerhütten

Fischerhütten. Foto in: Rumänien in Wort und Bild. 1917

Villa in Rumänien

Villa. Aus: Rumänien in Wort und Bild. 1917

Und dann staunt der Deutsche über das rumänische Land mit seinen kleinen, einfachen Dörfern: schlichte Lehm- oder Holzhütten, mit Schilf oder Holzschindeln bedeckt, und selten mal ein Steinhaus, weil die meisten sich das nicht leisten können. Selten Ziergärten. Im Hügelland sind die Häuser schon prächtiger. Die Torbogen sind reich geschnitzt. In manchen Gegenden sind Landhäuser der Adligen zu finden, sie haben einen Turm mit Ausguck und Schießscharten. Im Inneren, so weiß es die „Rumänien in Wort und

Erdhäuser

Erdhäuser. Aus: Rumänien in Wort und Bild. 1917

Bild“, ist es dunkel, und Mensch und Tier wohnen hier „durcheinander“. Die Vorschriften der Regierung zur Größe der Häuser fänden keine Beachtung, „wie Väter und Großväter lebten und bauten, so will auch die junge Generation ihr Heim besitzen.“ In der Steppe leben die Bauern in Erdhütten, die nur 1 – 2 Meter aus der Erde ragen – als Versteck vor vorüberziehenden Horden, aber auch als Schutz vor Winterkälte und Sommerhitze. Drei Meter tief sind die Hütten in die Erde gegraben, es fällt kaum Licht

hinein, der Boden ist die reine Erde, die im Frühling dauermatschig ist – „die reine Brutstätte für Erkrankungen“. Allerdings leben auch nur noch die Allerärmsten und die Zigeuner in diesen Erdlöchern. Die allermeisten werden nur noch als Kühlschrank genutzt.

Die Nationalspeise des Bauern ist der Maisbrei, der italienischen Polenta ähnlich. Dazu gibt es Zwiebeln und Knoblauch und ein Stück Schafskäse. Als Delikatesse gelten gedünstetes Kraut, Fleisch – gemischt mit Maiskleie, Fisch und an der Sonne getrocknetes Fleisch. Aber, zum Glück: Des Bauern „Strenggläubigkeit zwingt ihn zudem zur Enthaltsamkeit. An den 189 Fastentagen des Jahres wagt er nicht, ein Stück Fleisch oder Speck oder ein Eiergericht zu berühren.“

Volk der Dobrudscha

Volk der Dobrudscha. Foto in: Rumänien in Wort und Bild. Juli 1917

Kein Wunder also, dass der rumänische Bauer an sich zu harter körperlicher Arbeit nicht imstande ist. Holz schlagen geht nicht, dafür ist Feldarbeit genau das richtige für ihn. Und wenn er denn ein wenig Geld in der Tasche hat, gibt er es auch gleich aus, für Alkohol oder „etwas Tand und Spielereien“. 85 % der ländlichen Bevölkerung bestünde aus Analphabeten.

Aber zurück zu dir!

Anzeige

Anzeige in Rumänien in Wort und Bild. 1917

Du hast Glück, die Militärverwaltung lässt Dich nicht nach Berlin ziehen. Große Erleichterung. „Der Reichsgetreidesturm ist vorläufig an mir vorbei gerauscht.“ Eher würdest Du wieder an die Front zurückkehren als im Moment ein Mitglied der Regierung in Berlin werden zu wollen.

Dort fordert der Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger gerade im Hauptausschuss des Reichstags eine öffentliche Erklärung, wie denn bitte schön ein Frieden zustande kommen könne. Er löst mit seiner Forderung eine Krise sondergleichen aus, die mit dem Sturz des Kanzlers Bethmann Hollweg endet. Hindenburg und Ludendorff, die beiden Kriegsfürsten der Obersten Heeresleitung, setzen den politisch völlig unerfahrenen Verwaltungsbeamten Georg Michaelis ein. Du hältst nichts davon, Dir wäre ein Mann vom Militär lieber gewesen. Die Leute sind wenigstens „von früh auf dressiert, den Mut zum Entschluss zu finden.“ Keine Sorge, Großvater, im Herbst ist Michaelis schon wieder weg.

Bruder Willi würde Dich gerne besuchen, aber Du rätst ab: zu schlechte Transportwege. Die Briefe aber brauchen nur vier Tage, das finde ich für diese Kriegszeiten erstaunlich wenig. Das Leben ist teuer in Bukarest. Und Du bekommst „Leutnantsgehalt und 3 Mark Verpflegungsgeld pro Tag. Da die Verpflegung etwa 300 Mark monatlich kostet, reicht man nicht weit.“ Du bekommst von Zuhause Zuschuss. Ohne geht es nicht. Unglaublich, eigentlich. Da bist Du so ein hohes Tier geworden und kannst doch ohne die Unterstützung von Zuhause nicht leben.

Zwischendrin fährst du wieder nach Sinaia, „zum Luftschnappen“ und zum Erkunden. Was so los ist auf dem Land, ist nicht immer erfreulich. Du bekommst öfters Gelegenheiten, „irgendeine Schweinerei aufzudecken“. Die deutschen Verwaltungsoffiziere auf dem Land („teils Schullehrer, teils ganz alte Beamte, die sich nicht mehr mit Vergnügen in die neuen Verhältnisse einarbeiten“) tun zu wenig. Und überall grassiert die Korruption. „Der durchschnittliche rumänische Beamte ist sehr unselbständig und vielfach bestechlich. Die deutsche Verwaltung ist ihm unbequem, aber sie imponiert ihm doch. Und die meisten Leute geben sich Mühe, wenigstens fleißig und diensteifrig zu scheinen. Einen gewissen Grad der Bestechlichkeit setzen sie meistens bei uns voraus. Bei den Bulgaren mit Recht.“

Man kann davon ausgehen, dass Du für alles Dein Geld gezahlt hast, Großvater, ohne jemanden zu bestechen. Mehl, Grieß und Tee gehen kiloweise nach Hause. Sogar Butter. Und am liebsten auch frisch geschossenes Fleisch: Bärenfleisch. „Sie sind in den Karpaten sehr zahlreich und kommen kurz vor der Reife des Mais in die Ebene, weil ihnen diese Frucht in halbreifem Zustand besonders gut schmeckt. Jede Jagdexpedition erfordert aber bei den hiesigen Transportbedingungen mindestens vier Tage, und solange kann ich mich ohne ernste Gefährdung des rumänischen Staates noch nicht von meinen Akten trennen.“

Dafür unternimmst Du weiterhin Stippvisiten ins rumänische Land, nach Siebenbürgen etwa, ins deutsche Dorf Rosenau, im Schatten der Deutschritterburg Rosenburg.

File:Overview Rasnov 1.JPG

Râşnov Castle, also known as Râşnov Citadel. Urheber: Treteen, 2009

„Der Unterschied ist überraschend. Große saubere Gehöfte  und freundliche Menschen. Hier sitzen die Sachsen seit 600 Jahren und haben sich ihr Deutschtum treu bewahrt. Sogar hunderte von nichtdeutschen Kindern haben sie jetzt zum Rausfüttern zu sich genommen. Weil, wie mir eine Frau sagte, die Deutschen so viel im Kriege für uns getan haben, dass wir uns dadurch etwas dankbar erweisen wollen. Auch die vom Deutschen Orden gegründete Stadt Kronstadt wird besichtigt, in bezaubernder schöner Lage im tiefen Talkessel zwischen Laub, Wald, Bergen. Von der Zinne aus hatte man einen Rundblick, wie man ihn kaum schöner denken kann. Im Süden die stolzen Berge von Sinaia, unter sich die niedliche Stadt, und weit vor sich die fruchtbare Ebene Ungarns.“ Acht Stunden dauert deine Bahnfahrt zurück nach Bukarest. Heute wird zwischen Bukarest und Kronstadt seit Jahren eine Autobahn gebaut, 170 Kilometer sind das ungefähr.

File:Benedictus XV.jpg

Papst Benedikt XV, ca. 1915. Quelle: Library of Congress

Im August verschickt Papst Benedikt XV. eine „Friedensnote“. Darin schlägt er allen kriegsführenden Mächten als neutraler Vermittler Friedensverhandlungen vor. Er fordert Abrüstung, außerdem ein internationales Gericht, das künftige Kriege vermeiden soll, und den Verzicht auf Gebietsabtretungen. Du widmest der Note ganze zwei Sätze. „Von der Papstnote versprechen wir uns nichts. Sie scheint tatsächlich ohne vorherige Fühlungsnahme mit den Kriegsführenden losgelassen zu sein.“ Die Note wird abgelehnt. Alle Kriegsbeteiligten sehen sich durch ihre Forderungen benachteiligt.

Du kümmerst Dich weiterhin ums Eichen von Waagen, und jetzt auch um das Einrichten von Kindergärten und Volksküchen.

Volksküche

In der Volksküche in Bukarest. Abfotografiert aus: Rumänien in Wort und Bild. 2.6.1917

Hunderte kommen täglich in die 14 Volksküchen und holen sich für wenig Geld ein Mittagessen und ein Stück Brot. Die Ärmsten der Armen kommen hierhin, und das sind durch den Krieg viele. „Nächste Woche werde ich als guter Onkel den ersten öffentlichen Kindergarten besichtigen, mit der Prinzessin Cantanzino, der Vorsitzenden des Vereins der orthodoxen Frauen. Die Haupttätigkeit dieses Vereins vor Kriegsausbruch soll Kriegshetze im Endsinn gewesen sein. Daneben hat er im großen Stil Wohltätigkeit gemacht. Es ist fabelhaft, welche ungeheuren Summen die Rumänen für Wohltätigkeit ausgegeben haben. Ein großer Teil der Krankenpflege im Lande beruht auf Privatwohltätigkeit.“ Du berichtest von zahlreichen Stiftungen im Land, allerdings sollen einige Stiftungsherren sich von dem Geld großzügige Renten zugebilligt haben, was nun unterbunden wird. Das Geld soll jetzt den Armen zukommen.

UrlaubFür drei Wochen reist der gute Onkel Detel aber erst einmal nach Hause, zum Erholen.

 

Wieder zurück in Bukarest erwarten Dich bergehohe Stapel Papier, Chef Welser ist in Urlaub.

Und dann kommt auch noch der Großherzog zu Besuch, Friedrich Franz IV., Großherzog von Mecklenburg, sozusagen der Dienstherr von Vater Fortunatus. Du triffst ihn auf einem Empfangsfrühstück beim Militärgouverneur, und regst Dich auf über das, was vor dem Empfang noch schnell erledigt wird: „Es waren etwa 24 Personen, die alle zunächst mal, so sie noch nicht versehen waren, das blaue Bändchen ins Knopfloch knüpfen mussten. Ein unglaublicher Unfug (…) dass dabei mit vollen Händen unser hübsches Kriegskreuz als Frühstücksorden nach allen Seiten verschleudert wurde.“ Ein Verdienstorden. Der Großherzog sollte wohl glauben, man ließe natürlich nur die erwiesenen Kriegshelden an seinen Tisch. „Wenn jeder beliebige Etappenhengst, der dem Großherzog eine Jagd arrangiert, oder die Sehenswürdigkeit eines Ortes zeigt, das Kreuz am blauen Band bekommt, so kann man von denen, die es sich ehrlich an der Front erworben, nicht verlangen, dass sie noch Wert darauf legen, solche Dekoration anzulegen.“ Allerdings, so ganz abgeneigt gegen Orden bist Du ja nicht gerade. Nur wenige Tage später gehst Du Vater Fortunatus um Zuschuss zu Deinem größten Geburtstagswunsch an: zu einem Johanniterorden. Dekoration muss eben sein. Immerhin, das Essen im Herzogempfang ist gut und reichlich. „Aber seiner Majestät eisige Unnahbarkeit wirkte erkältend. Und alles flüsterte nur. Nachmittags war ich dann allein beim Großherzog zum Tee. Das war nett und ziemlich gemütlich. Er war aber abgespannt und etwas schlechter Laune, weil Mackensen ihn im Laufe des Tages durch sämtliche Sehenswürdigkeiten der Stadt gehetzt hatte. Das war auch wirklich reichlich knapp bemessen. Aber er wird sich wohl nicht klar machen können, dass es dem alten Herrn natürlich darum zu tun war, diesen Besuch so schnell wie möglich zu absolvieren, und müsste ihm immerhin sehr dankbar sein.“

Der interessantere Schauplatz aber ist zur Zeit weiter östlich. Russland bricht zusammen. Damit hatte Deutschland nicht gerechnet, als es im April den Russen Wladimir Iljitsch Lenin in einen Zug steckte und ihn nach Russland transportierte, damit dieser dort mit seinen Umsturz-Plänen den Kriegswillen untergraben und das Zarenreich weiter destabilisieren sollte.

File:18951200-lenin-karteikarte-ochrana.jpg

Im Dezember 1895 von der Geheimpolizei Ochrana angelegte Karteikarte über Lenin. 21 December 1895. Quelle: http://prostointeresno.com/wp-content/uploads/2013/04/Lenin_-_jizn_v_fotografiyah_6.jpg (gefunden bei Wikipedia)

Die Übergangsregierung Russlands war schwächlich, im Juli war eine russische Offensive in Galizien auf heftige deutsche Gegenwehr gestoßen, die zerschlagene russische Armee löste sich auf, die Soldaten ließen ihre Gewehre fallen und liefen nach Haus. (Siehe: Stephan Burgdorff, Klaus Wiegrefe (Hrsg.): Der Erste Weltkrieg. Die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Dtv 2010)

Am 7. November stürzen Lenins Bolschewiki die Regierung und übernehmen die Macht. Sie errichten eine Räteregierung aus Arbeitern, Bauern und Soldaten, propagieren die Diktatur des Proletariats und rufen die Revolution aus. Schon einen Tag später verkünden sie, dass sie sich aus dem Krieg zurückziehen wollen. Sie verabschieden ein von Lenin formuliertes „Dekret über den Frieden“, in dem sie Friedensverhandlungen ankündigen. Schon im Dezember starten sie damit. Und zwar in der weißrussischen Stadt Brest-Litowsk.

Im Ministerium ist das Thema Frieden in aller Munde. Ob er schon in zwei Wochen kommt? Oder doch erst in Monaten? Du machst Dir Gedanken über Deine Zukunft. Vielleicht eine Tätigkeit im schönen Kurland? Allemal besser als im großherzoglichen Ministerium in Schwerin, da scheint Vater Fortunatus Dich hinbugsieren zu wollen. So ein herzogliches Ministerium ist die Verwaltungsbehörde des herzoglichen Hofes. Kann ich verstehen, dass Du das Arbeiten dort nicht besonders attraktiv findest.

Du ziehst es vor, in Bukarest die Hochschulbank zu drücken – für 14 Tage. Denn hier sind gerade „Hochschultage“. „Professoren aus allen Fakultäten meist in feldgrau hielten Vorlesungen, und von der Front waren etwa 400 Studenten der jüngsten und ältesten Semester hierher beurlaubt und genossen es fabelhaft, nach monatelangem Sitzen im Schützengraben einmal wieder geistige Nahrung zu sich nehmen zu können.“

Weihnachten verbringst Du im Schoß der Militärverwaltung, „gutes Essen im Verwaltungskasino mit Bier, Zeitung und Punsch“, außerdem als Geschenk für alle eine Gehaltsaufbesserung und die Ernennung zum Beamten. Sie haben nun „das Recht, Gott sei dank nicht die Pflicht, Beamtenuniform zu tragen. Und uns „Herr Landesbeirat“ anreden zu lassen. Der Chef ist „Landespräsident“, dann gibt es noch Landesräte und „Oberlandesräte“. Unglaublich, zu welchem Unsinn die Leute in Berlin im Kriege immer noch Zeit haben.“ Das geplante Geschenke-Wichteln fällt ins Wasser, weil die Geschenke nicht pünktlich aus Deutschland eintreffen. Auch nicht die angekündigte Kiste von zuhause. „Hoffentlich ist sie nicht ein Opfer eines der in letzter Zeit wiederholt passierten Eisenbahnzusammenstöße bei Krajowa geworden. Bei diesen sollen auch Lebensmittelkisten, die auf dem Wege nach Deutschland waren, in größter Anzahl verunglückt sein.“

Du fährst mit Deinem neuen Freund, dem Rittmeister Hempel, in Dein Lieblingsgebirge Sinaia, dort liegt alles unter einer weichen Schneedecke und sieht sehr weihnachtlich aus. Dummerweise wird Hempel magenkrank und verbringt den Rest der Tage im Bett. Und Du  wanderst allein durch die friedliche Berglandschaft.

Schreibe einen Kommentar